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Anlässlich der Medientage München kündigte Andreas Scherer, Geschäftsführer der Presse-Druck- und Verlags-GmbH zu Augsburg, Mutterhaus der “Augsburger Allgemeinen” und Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Zeitungsverleger, an sein Haus werde auf Paid Content setzen. Zitat: „Es ist aber nur fair und richtig, diejenigen Online-User, die unsere Qualitätsinhalte kostenfrei genutzt haben, an unseren Aufwendungen zu beteiligen.“

Klingt realistisch, oder? Schließlich ist sehr viel von Bezahlinhalten und dem Ende der angeblichen Gratiskultur im Internet die Rede derzeit.

Tja, nur: Jenes Zitat von Andreas Scherer stammt – aus dem Umfeld der Medientage 2009.

Wie weit ist das Thema Paid Content inzwischen in Augsburg? Nun, na ja… Sowohl das in München von der Feuerwehr gerettete Eichhörnchen (investigativer Lokaljournalismus gefällig?) auf der gestrigen Startseite der Augsburger Allgemeinen, noch der drei Tage alte Spielbericht der heimischen Panther ist kostenpflichtig. Und dem „Mediummagazin“ sagte der stellvertretende Chefredakteur Jürgen Marks: „Wir werden die Entwicklung aufmerksam beobachten. Voraussetzung ist eine weitere Attraktivitätssteigerung unserer Online-Portale.“

Oder um es kurz zu sagen: Passiert ist nix.

Und das nicht erst seit 2009 und nicht allein in Augsburg. Tatsächlich wurde ja im Jahr 2002 schon – vor ZEHN Jahren – behauptet, nun stünden Bezahlinhalte  bei Nachrichtenseiten aber so was von vor der Tür. Nun, ein Jahrzehnt danach, klingen die Ankündigungen nicht einen Jota anders. Natürlich gelten die Argumente, warum Paid Content bei Nachrichtenseiten nicht funktioniert auch weiterhin:

– Die Verbraucher haben schon immer für Inhalte im Web gezahlt – deshalb gibt es keinen „Gesinnungswandel“.
– Sie zahlen aber nicht für Nachrichteninhalte. Denn diese werden exakt einmal konsumiert und ihre Qualität lässt sich erst nach diesem Konsum beurteilen
– Die Qualität der Nachrichtenseiten ist teilweise hundsmiserabel.
– Die Umsätze aus dem Paid Content reichen weder, um die Angebote zu refinanzieren, noch um die entgehenden Onlinewerbeeinnahmen auszugleichen.
– Paid Content negiert sowohl Suchmaschinen als auch Social Media.
– Es gibt noch immer keine annähernd bequemen Bezahlsysteme.
– Metered Modelle sind nicht Fisch und nicht Fleisch und lassen sich problemlos umgehen – gleichzeitig senken sie aber die Bereitschaft, auf die entsprechenden Seiten zu verlinken.

Das bedeutet nicht, dass Zeitungsverlage unfähig wären, Inhalte zu erzeugen, für die bezahlt wird. Zum Beispiel halte ich RP+ der „Rheinischen Post“ weiter für gut gedacht, aber falsch gemacht. Nur fällt dieser Content nicht einfach bei der Alltagsarbeit ab. Und: Er wird auf absehbare Zeit nicht zum Stammgeschäft werden. Der Versuch, tradierte Geschäftsprinzipien auf eine disruptive Technologie zu übertragen ist fruchtlos.

Die Zeit der Verantwortlichen wäre besser investiert in Diskussionen, wie sie der Harvard-Management-Professor Clayton Christensen mit diesem höchst lesenswerten Artikel für die Nieman-Stiftung führt. In die gleiche Richtung geht auch die Studie der Unternehmensberatung Roland Berger, die turi2 heute erwähnt. Ich halte es für eine Fehlinterpretation, wenn es heißt: Roland Berger glaubt an die Zukunft von Print. Vielmehr tritt Berger den Print-Gläubigen auf höchst diplomatische Weise – die Münchener wollen ja Verlagskunden gewinnen – in den Hintern. Die Kreativität und Gedankentiefe der Studie hat zwar Pfützenniveau, es wird gar mit dem Unsinn des Rieplschen Gesetzes argumentiert, doch zwischen den Zeilen sagt Berger: Print stirbt, Verlage müssen deshalb heute in Marken und Strukturen investieren um auf das Abstellen der Druckmaschinen vorbereitet zu sein und mit ihren Marken in der digitalen Welt eine Chance zu haben.

So etwas mögen deutsche Verlagsmanager aber nicht hören. Sie führen sich auf wie Küken, die begackern, dass sie irgendwann in der Zukunft von einem nicht nicht in Sichtweite befindlichen, sicher aber irgendwo vorhandenen Hahn, begattet werden, was dann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass ihnen in der Folge ein Ei rausrutscht aus dem hoffentlich ein neues Leben schlüpft.

Ich halte es für legitim, Verlagsmanagern mit Paid-Content-Ambitionen mit den Riten unserer frühen Jahre zu begegnen. Also etwas dem Anlegen der weit geöffneten Hände an die Ohren begleitet durch sängerisch vorgetragene Kommentare wie „Mach doch, mach doch“ oder „Feige, feige, Du traust dich sowieso nicht!“ Dies kann wahlweise durch das Ausstrecken der Zungen in den Musikpausen ergänzt werden.

Ist das kindisch?

Ja.

Aber auch nicht alberner als die ständigen Ankündigungen der Verlage in Sachen Paid Content.


Kommentare


Ulf J. Froitzheim 25. Oktober 2012 um 9:53

Lieber Thomas, vielleicht solltest Du nicht so apodiktisch behaupten, das „Print“ stirbt, wenn Du Tageszeitungen à la Augsburger Allgemeine meinst. Ich wage aber auch zu behaupten, dass viele Online-Angebote klassischer Regionalzeitungen mangels nachhaltiger Geschäftsstrategie die Zehnerjahre nicht überleben werden. Das kann man dann nicht wirklich unter „Print“ subsumieren.

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Thomas Knüwer 25. Oktober 2012 um 9:56

Moooment – ich sage immer: Tageszeitungen sterben – bei den anderen Formaten müssen wir mal schauen. Roland Berger erweitert dies auf Zeitschriften. Sorry, wenn ich diese Differenz nicht klar genug gemacht habe.

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baranek 25. Oktober 2012 um 10:08

Mir ist hier immer zu viel „Dagegen!“ und zu wenig „So kanns gehen“. Meines Erachtens sollten insbesondere Lokalzeitungen versuchen, _hochwertigen_ Content und Dienste anzubieten und die mit einer Paywall zu monetarisieren. Wie auch anders? Mit Anzeigen? Nee, komm, das reicht niemals. Ich halte eine gemischte Strategie von Vorne schnell, kompakt und kostenlos + Hinten vertieft, hochwertig, komplex und kostenpflichtig eigentlich für sinnvoll.

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Thomas Knüwer 25. Oktober 2012 um 10:28

Dem wage ich zu widersprechen. RP Online, beispielsweise, ist profitabel. Und die meisten Verlage haben nicht einmal angefangen, ihre lokale Anzeigenmärkte für online ausreichend zu beackern. Geht ja auch nicht: Es gibt gar nicht die entsprechenden Anzeigenformate.

Und was die Veränderungen betrifft. Ich kann doch nicht jedesmal verweisen auf das, was seit Jahren meine Meinung ist. Zum Beispiel das hier: https://www.anikibo.com/2011/05/das-zeitalter-der-kuratoren/ oder das hier: https://www.anikibo.com/2008/12/weil-der-journalist-sich-andern-muss/

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Dirk Roebers 25. Oktober 2012 um 10:18

Bei den Tageszeitungen sehe ich auch schwarz! Andere Formate habe da weitaus mehr Chancen zu überleben, gute Geschichten, Themen und eine vernünftige Recherche vorausgesetzt. Sind sie dann noch in der Lage etwas draufzusetzen, um so besser. Aber bei den Tageszeitungen sind es ja nicht nur diejenigen à la Augsburger Allgemeine. Es gibt wahrscheinlich doch eine Chance, aber die kostet Geld, denn Qualität könnte hier der Ausweg sein. Wie wäre es denn mit schnelle Bereitstellung von Neuigkeiten und zwar aus der Region und nicht dpa-Meldungen. Und hinter einer Paywall oder im Rahmen eines Online-Abos erhalte ich dann mehr Informationen. Aber dann müssten vielleicht noch Leute eingestellt werden oder die Redakteure auch Online-Inhalte erstellen und das passiert wahrscheinlich eh nicht. Ist nicht kompatibel zum bisherigen Denken / Geschäftsmodell!

PS: Ich habe soeben einen Feed von der FAZ erhalten, Datum über dem Artikel „25. Oktober 2012“ versendet angeblich am 23.10.2012 um 07.06 über die letzte Deabatte zwischen Obama und Romney. Soviel noch zu der angestoßenen Umfrage von Thomas wieviel Prozent einer gedruckten Zeitung wohl einen Tag später online zu finden sind.

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baranek 25. Oktober 2012 um 10:25

Ich finde insbesondere Lokalzeitungen haben sehr gute Chancen im Web. Denn sie sind vor Ort eine Marke, der man viele vertrauen. Es muss eben Ziel sein, DER Ort für die lokale Öffentlichkeit im Web zu werden. Das erreicht man aber nicht mit der Onlinestellung der Printausgabe. Da muss ein echte Online-Strategie her, mit Aufbau einer Community usw usf. Das allein ist aber für viele Journalisten ein derartiger Kulturwandel, man hält es gar nicht für möglich, wie ich grade wieder in einem einschlägigen Workshop erfuhr, den ich hier vor Ort für eine Lokalzeitung gemacht habe.

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Sascha Borowski 25. Oktober 2012 um 10:33

Lieber Herr Knüwer, wenn ich Ihnen den Unterschied zwischen einer Polizeimeldung und einer investigativ recherchierten Lokalgeschichte erklären soll, bitte klingeln Sie durch, ich helfe da gern. Wir haben beides im Angebot – wie auch aktuelle Eishockey-Berichte:-)

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Thomas Knüwer 25. Oktober 2012 um 14:10

Mir ist dieser Unterschied bekannt. Dem Leser – nicht. Muss ihm auch nicht. Er sieht, was so wo platziert wird. Und er sieht auch, dass der aktuellste Panther-Bericht drei Tage alt ist. Und das ist für mich ein Beispiel dafür, was bei lokalen Nachrichtenseiten falsch läuft: Bei solchen Teams gibt es ein nicht zu stillend großes Informationsbedürfnis der Anhänger – da kann es nicht genug Artikel geben. Ein lokales Nachrichtenangebot müsste in der Saison mindestens einen neuen Artikel täglich liefern. Diese Stücke würden die Diskussion in der Fanszene anfeuern und dominieren. Sie würden gelesen und weitergereicht, gleichzeitig würden sie maßgeblich zur Markenbildung des Mediums beitragen. Doch tatsächlich kommt kaum ein Lokalangebot auf diese Idee.

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Christian Buggisch 25. Oktober 2012 um 10:57

Wozu noch paid content, wenn das Leistungsschutzrecht kommt? Ist doch viel hübscher, sich für kostenlosen Content bezahlen zu lassen. Klingt merkwürdig, ist es auch.

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Aufgelesen … Nr. 33 – 2012 | Post von Horn 25. Oktober 2012 um 11:32

[…] dass ihnen in der Folge ein Ei rausrutscht aus dem hoffentlich ein neues Leben schlüpft. Aus: Indiskretion Nebensache 2. Verbraucher Abstimmung mit den Füßen L´Oreal, Buitoni, Mövenpick, Südzucker, Wagner, Dr. […]

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Bätschman 25. Oktober 2012 um 13:04

Meine zwei liebsten Paid Content Bsp. sind ein Artikel über Paid Content hinter einer Paywall und eine Copy&Paste Pressemeldung ebenfalls hinter einer Paywall. Gerade bei der Pressemeldung fragt man sich echt wofür man da bezahlt.

Beste Grüße

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Jürgen Marks 25. Oktober 2012 um 13:58

Hallo Herr Knüwer,
schade, dass Sie lieber googeln als recherchieren. Hätten Sie mich angerufen, wäre aus dem Artikel mehr geworden als eine Ansammlung altbekannter (Vor-)urteile. Nichts für ungut.

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Thomas Knüwer 25. Oktober 2012 um 14:10

Ich freue mich auf den Link zu den Paid Content-Angeboten der Augsburger Allgemeinen.

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Twipsy 25. Oktober 2012 um 19:07

Mit dem beknacktesten Symbolbild das ich in dem Zusammenhang gesehen habe, macht FOCUS nun Propaganda: „FOCUS online bleibt kostenlos“ Wär ja auch zu schön, wenn deren Dreck bald hinter einer Paywall steckte.
http://www.focus.de/kultur/medien/paywalls-im-internet-fuer-die-taegliche-portion-online-zeitung-zahlen_aid_846605.html
„„Wir hätten gerne Geld von Google.“ Der werthaltige Teil der Internetsuche seien die Inhalte. „Und die gehören den Nachrichtenportalen.“ MMD

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profitable zeitungen 25. Oktober 2012 um 22:31

RTL und die kostenlosen Zeitungen 4 Stück pro woche machen nur mit Werbung Gewinn.

Auch die anzeigenformate für gebrauchtwagen, Jobs und Immobilien sind doch vorhanden.
Problem ist eher, brauchbare it-Projekte zu fairen Preisen zu bekommen.

Warren Buffet meinte gestern bei cnbc das seine kleinen Zeitungen (20.000 was auch immer) besser irgendwas (Einnahmen?) hätten als seine Zeitungen für größere Communities und das kleine Communities einfacher seien. Die Zeitungen machen ja schon lokalradio und lokal-webTV für am smarTV und Pad ist nur eine andere erzählweise. Das sind keine Actionfilme. Mit etwas Motivation kann man gut den Brand, die Überschwemmung oder umgestürzte Bäume bildlich darstellen.
Es hindert allerdings keinen, in ländern mit meinungs-, dokumentations-freiheit eine App zum crowdjournalism zu bauen. Sowas wie Twitter aber für mehr als gastro-Kritiken oder Check-ins. Auf messen oder Filmfesten wäre das ein Einstieg. Eine tagcloud als cloud von berichtenden texten bzw Bildern. Schnell programmiert aber leider zu hohe verwaltungs- und rechts-kosten.

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Kasino-Kapitalisten fressen Journalisten und mehr – der Wochenrüblick | Online-Journalismus-Blog 27. Oktober 2012 um 18:50

[…] das gedacht? Thomas Knüwer findet die Studie weniger kritisch und greift sie auch in seinem Blog auf. Warum, erklärt er etwas ausführlicher auf Facebook in einer Diskussion mit […]

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